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24 März 2014

Interview mit Bernhard Schaaf

Seit 2004 Parkinson-Patient und Mitglied des Selbsthilfe-Vereins ‚evanda – Leben mit Parkinson e.V.‘ in Frankfurt a. Main.

Wie geht es Ihnen heute, Herr Schaaf?

Mir ging es bis vor einer Stunde richtig gut. Jetzt bin ich leider ins „Off“ gerutscht. Man versucht sich dort zu orientieren und wieder den Weg nach oben zu finden, was ein bis zwei Stunden dauern kann.

Empfehlen Sie Betroffenen, einem Verein oder einer Selbsthilfegruppe beizutreten?

Ja, unbedingt. Während der Off-Phasen z.B. hat man keine Lust auf Kommunikation oder Gesellschaft. Aber andere Betroffene zu sehen oder mit ihnen zu reden, ist etwas ganz anderes. Im Verein treffen wir auf gegenseitiges Verständnis. Ich war z.B. einmal mit einer Gruppe Gleich-Betroffener mit dem Auto im Odenwald unterwegs. Als wir angekommen waren, kam einer von uns nicht aus dem Autositz heraus. Da haben wir einfach einen Stuhl organisiert, neben das Auto gestellt und ihn darauf gesetzt. Dort saß er dann eine halbe Stunde, bis er wieder fit zum Laufen war. Solche Lösungen beruhigen uns Betroffenen. Bei einer Blockade zu schreien „Machen Sie mal!“ oder „Sehen Sie mal zu, dass Sie weiter kommen!“ helfen nicht und verunsichern nur. Oder das Beispiel von Martin, der von einer Reise zurück kam und seinen Rucksack nicht tragen konnte. Er kickte ihn vor sich her und war entsprechend schlecht drauf. Da sagte der Taxifahrer: „Betrunkene fahr ich nicht!“. Die Gesunden verstehen oft einfach nicht, was geschieht, Betroffene schon!

Wie gehen Sie damit um, wenn Ihnen andere Hilfe anbieten?

Hierzu hätte ich eine Anekdote: Neulich im Lokal lächelten mir einige junge Damen am anderen Tisch zu, was meinem männlichen Stolz natürlich gut tat! Aber als ich dann aufstand, um meinem Mantel zu holen, eilte eine von ihnen herbei, um mir in den Mantel zu helfen… Da waren die ganzen Illusionen wieder im Eimer! (Lacht herzlich)

Wie gehen Sie mit ihren Off-Phasen um?

Meine Off-Phasen empfinde ich als richtig schlimm. Da denke ich „so will ich nicht weiterleben“. Aber das soll nicht heißen, dass ich suizidgefährdet bin. Ich merke nämlich, dass da noch ein starker Kern in mir ist. Jetzt gerade habe ich z.B. meine Off-Phase von eben überwunden und komme in mein normales Fahrwasser. Ich könnte nun Mauern einreißen und die Welt verbessern! Emotionen sind so stark, dass sie alles blockieren können. Doch in unserer Gesellschaft tendiert man dazu, solch starke Gefühle zu unterdrücken. Gestern aber freute ich mich über einen Olympiasieger im Fernsehen, der heulte wie ein Schlosshund. Da musste ich sofort mitheulen, das war so toll zu sehen.

Was bringt Sie am meisten aus dem Gleichgewicht?

Mein großes Handicap, sozusagen meine Achillesferse, ist Stress. Ich war früher Weltmeister im Stressbewältigen. Ich hatte eine Spedition und jeden Tag berufsbedingt großen Stress. Heute bringt mich die kleinste Aufregung aus dem Konzept. Bei Argumenten, auf die ich nicht gleich kontern kann, kommt der Stress sofort. In solch einer Phase kann ich kein Telefon sehen. Es ist dann wie ein dunkler Abgrund, die große Unbekannte. E-Mails sind auch keine Lösung, denn dafür zittern meine Hände zu stark. Da hau’ ich jeden Buchstaben fünfmal an. Wir sollten lieber wieder Brieftauben einführen!

Welche therapeutische Maßnahme hat Ihnen besonders geholfen?

Wir hatten eine 5er-Gruppe gebildet für ein Verhaltenstherapie-Projekt, das ParkinsonFonds gesponsert hat. Wir trainierten mit einer Psychotherapeutin unser Selbstbewusstsein an Schauplätzen wie dem Frankfurter Hauptbahnhof. Wir testeten, wie hilfsbereit unsere Umgebung ist, indem wir beispielsweise an einem Fahrkartenschalter um ein Glas Wasser baten. Wir machten u.a. auch Videoanalysen von unseren Laufbewegungen. Solche Projekte sind es wirklich wert, unterstützt zu werden. Die Pharmazie braucht Jahre, um ein Medikament zu entwickeln. Aber uns kann man bereits innerhalb von drei Monaten helfen, wenn man ein psychologisches Problem mit entsprechenden Fachkräften angeht.

Wir haben eine Dokumentation des Projekts, die veröffentlicht werden soll, damit es andere Betroffene wiederholen können. So lernen wir, besser mit dem Leben zurechtzukommen, motiviert zu sein und Neues auszuprobieren. Das ist richtig gut!

Gibt es ein Thema, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Der Zugang zum ‚inneren Arzt‘ ist sehr wichtig. Der ‚äußere Arzt‘ behandelt, der ‚innere Arzt‘ heilt. Wenn man den ‚inneren Arzt‘ um Hilfe bittet und auf ihn hört, wird man stärker, denn diese innere Stimme sagt uns, was gut für uns ist. Sie schickt Signale, die wir erst wahrnehmen, wenn wir zur Ruhe kommen. Ich habe mit meinem Essverhalten, denn ich esse sehr gerne, begonnen und ihm die Regentschaft darüber gegeben. Was will ich jetzt wirklich essen? Was ist nur Sucht? Oder was ist nur Genuss, der mir eigentlich schadet? Das hat sehr gut funktioniert.

Wie erreicht man seinen ‚inneren Arzt‘?

Durch Meditation und dadurch, dass man sich Ruhezeiten nimmt. Ich mache es z.B. so, dass ich morgens zehn Minuten in eine brennende Kerze schaue, das schafft Ruhe. Danach sehe ich drei Minuten in den Spiegel – dazu gehört Mut. So findet man allmählich Zugang zu seinem inneren Arzt.

Wir hören so oft auf das, was von außen befohlen wird und nach innen hört kaum jemand. Hört man in sich hinein, merkt man, was man braucht. Aber es geht langsam, man braucht Geduld. Wir mit Parkinson müssen diese Geduld aufbringen, um Fortschritte zu machen.

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