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15 Dezember 2016

Meine persönliche Weihnachtsgeschichte

Parkinson-Patient Rainer Brückner erzählt von einem Heiligen Abend, der ihm für sein Leben sehr viel mitgegeben hat.

rainer-bruecknerEs war Montag, der 24. Dezember 1962, ich war im letzten Jahr meiner Lehre als Fernsehtechniker. Eine der Phasen, wo Weihnachten für mich schon nicht mehr den Stellenwert hatte, wie eigentlich üblich. Mein Chef, ein sehr frommer Mann (Laienpriester), wusste, welchen Bezug ich zu Weihnachten hatte, deshalb hatten die anderen alle frei und ich bin freiwillig noch Kundendienst gefahren, um Leuten den Fernseher zu reparieren, die ohne TV nicht leben können, selbst nicht an Weihnachten (so etwas soll es geben!). An solchen Tagen habe ich gerne Dienst gemacht, da gab es das dickste Trinkgeld! Es war kurz vor Feierabend und ich hatte einen sehr erfolgreichen Tag gehabt. An diesem 24. habe ich mehr Trinkgeld bekommen, als den ganzen Monat an Lehrgeld! Ich hätte die ganze Welt umarmen können, so glücklich war ich.

Doch es sollte ganz anders kommen …  Der Chef rief mich zu sich und fragte, ob ich noch eine Reparatur statt seiner übernehmen möchte, ein ganz spezieller Fall. Er selbst hätte noch so viel Arbeit in der Kirche. Dieser Kunde war Patient in einer Nervenheilanstalt. Er war schwer krank und litt unter totalem Muskelschwund. Er lag in seinem Bett und konnte sich kaum bewegen, nur die Augen haben bei ihm gesprochen. Ich hatte in meinem kurzen Leben so etwas noch nie gesehen. Vor mir lag eine ,lebendige Leiche‘. Nur seine spastischen Bewegungen signalisierten mir, das ist ein Lebewesen. Mein Blick fiel auf sein Radio, es sah aus wie ein alter Volksempfänger und hatte nur Mittelwelle. Da das Skalenseil von der Führung gesprungen war, konnte er sich keine Sender mehr einstellen. Es war sein einziges Fenster zur Außenwelt und gerade jetzt an Weihnachten. Angehörige hatte er auch keine mehr.

Außer Brummen und Knattern war aus dem Gerät nichts zu hören. Mein Chef hatte ihm das Radio so umgebaut, dass er mit seinen verkrümmten Fingern gerade
in der Lage war, an einem großen Rad zu drehen um einen Sender zu finden. Schnell hatte ich den Schaden behoben und bat ihn, zu probieren, ob es geht. Es funktionierte einwandfrei und ich sah in seinen Augen die Freude, dass er sein geliebtes Radio wieder benutzen konnte. Nie wieder in meinem Leben habe ich die Freude eines Menschen so intensiv erlebt, wie in diesem Augenblick, obwohl ihm nur die Augen dafür zur Verfügung standen. Das hat mich sehr stark berührt und auf der Fahrt zurück in die Werkstatt war ich noch immer wie paralysiert. Als mein Chef mich nach meinem Befinden fragte, denn so still kannte er mich gar nicht, sagte ich zu ihm:

„Seine Seele hat mir durch die Augen ein Dankeschön gesagt, es ist unglaublich. Das war für mich ein Weihnachtsgeschenk, wie es schöner nicht sein kann.“

Deshalb, so sagte mein Chef, habe ich Dich auch dahin geschickt und wie ich sehe, hat es sich gelohnt. Er wünschte mir noch frohe Weihnachten und ich fuhr nach Hause. Die ganzen Festtage ging mir das Bild dieses armen, aber glücklichen Menschen nicht mehr aus dem Kopf.

An diesem Abend bin ich um Jahre gereift, und es hat mir gezeigt, dass Glück relativ ist.

 

Als Katholik erzogen hatte ich mit zunehmendem Alter Probleme mit der Kirche, vor allen Dingen mit dem ‚Bodenpersonal‘. Ich gehöre nicht mehr der Kirche an, lebe aber nach christlichen Regeln. Zu Weihnachten haben mich bis heute noch die Beschaulichkeit, die ganze Atmosphäre sehr in ihren Bann gezogen. Auch die Zeit, als unsere Tochter geboren wurde und sie langsam in das Alter kam, in dem sie sich auf das Christkind freute, war wiederum sehr schön.

Dass das Gefühl für Weihnachten trotz Krippe und einem schön geschmückten Baum so langsam die ursprüngliche Empfindung und auch Bedeutung verlor, begann mit meinem später ausgeübten Beruf als Programmierer und EDV-Leiter.
Einer der vielen Berufe, in dem nicht der Mensch mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen zählt, sondern nur das Funktionieren. Das galt für Mensch und Maschine, 24 Stunden rund um die Uhr, egal ob Weihnachten ist oder nicht. Das wurde zwar gut bezahlt, aber Geld ist nicht alles, ganz besonders dann, wenn alles Menschliche dafür auf der Strecke bleibt.

Für weihnachtliche Gefühle war da kein Platz. Den Rest an weihnachtlichen Gefühlen zerstören die Kaufhäuser, Supermärkte oder Discounter, die ja schon ab Ende August Weihnachtsgebäck in der Auslage haben. Lange vor Heiligabend dudeln aus jeder Ecke Weihnachtslieder und durch die Werbung wird man regelrecht überflutet. Ist Weihnachten endlich da, dann ist man versucht, Krippe und Baum schnellstens aus dem Wohnzimmer zu verbannen, sonst könnte man noch mit dem Osterhasen in Konflikt geraten.

Dabei bin ich ein Familienmensch und empfinde es als das schönste Erlebnis, wenn auch die ‚Kinder‘ (45 und 54) mit uns am Tisch sitzen und wir
gemeinsam bei schöner Musik und Kerzenschein den Festtagsbraten genießen können. Diese Einstellung hat sich auch in der Zeit, als ich die Krankheit bewusst in mir wahrgenommen habe, nicht geändert. Da ich aber ein unverbesserlicher Romantiker bin, schwebt mir immer noch ein Weihnachten in den verschneiten Bergen in einer einsamen Hütte im Kopf herum. Es wird ein Traum bleiben, dass weiß ich, aber es ist ein schöner Traum!

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