Spenden
4 März 2020

„Es gibt sehr viele neue Entwicklungen in der Parkinson-Forschung.“

PROF. DR. DR. H.C. WOLFGANG H. OERTEL, PARKINSON-EXPERTE UND MITGLIED UNSERES MEDIZINISCH-WISSENSCHAFTLICHEN BEIRATS:

In den letzten zwei Jahren wurden zahlreiche Ergebnisse der Parkinson-Forschung veröffentlicht:

Verbesserung der Diagnostik mit ‚RT-quic‘

Das hochempfi ndliche Verfahren ‚RT-quic‘ kann kleinste Mengen von aggregiertem Alpha-Synuclein in Körpergewebe (z.B. in der Haut) und Körperfl üssigkeit nachweisen. Bei sehr vielen Patienten spielt dieses Eiweiß eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der Parkinson-Krankheit. Man erhofft sich, mit diesem vor wenigen Jahren erstmals in der Parkinson-Forschung angewandten Verfahren feststellen zu können, welcher Parkinson-Patient tatsächlich eine Alpha-Synuclein-Störung hat. Vielleicht gelingt es sogar mit diesem Verfahren die Parkinson-Krankheit im Vorstadium nachzuweisen. Ähnliches gelang vor drei Jahren mithilfe des Hauttests (Doppler et al. 2017 – mit Forschungsunterstützung des ParkinsonFonds Deutschland). Ob der histologische Hauttest oder der biochemische ‚RT-quic‘-Test letztlich in die Routine-Diagnostik Eingang fi nden, ist allerdings noch nicht geklärt. Symptombehandlung mit ‚L-Dopa‘, das unter die Haut gepumpt wird Im Bereich der symptomatischen Behandlung der Parkinson-Krankheit gilt weiterhin der Wirkstoff ‚L- Dopa‘ in den unterschiedlichen Verabreichungsformen als die wirksamste Substanz. Nun ist es zwei Firmen in mehrjähriger Forschung gelungen, eine ‚L-Dopa‘-Präparation so herzustellen, dass sie unter die Haut gepumpt werden kann. Dieses Verfahren hat zwei Vorteile:

  • Mit der Pumpe kann man im Spätstadium einen gleichmäßigen Blutspiegel und damit auch einen gleichmäßigen Hirnspiegel erreichen.
  • Diese transdermale Applikation würde die derzeit aufwendige Methode der Verabreichung von flüssigem ‚L-Dopa‘ in den Dünndarm ersetzen.

Man geht davon aus, dass in etwa 2 bis 3 Jahren dieses Verfahren auf dem Markt ist und dann besonders Patienten im Spätstadium eine deutliche Verbesserung ihrer Beweglichkeit über den Tag und auch ihrer Stimmung ermöglicht.

Potenzielle Wege, die Parkinson-Krankheit zu verzögern

Die brennendere Frage ist allerdings: „Wird es gelingen, die Parkinson-Krankheit zu verzögern oder sogar das Auftreten von Parkinson zu verhindern?“ Es befinden sich derzeit vier Medikamente in der Testung, von denen wir ausgehen, dass sie zumindest das Potenzial haben, das Fortschreiten der Parkinson-Krankheit zu verzögern.

1. Intravenöse Gabe von Antikörpern gegen Alpha-Synuclein

In zwei Fällen handelt es sich um die intravenöse Gabe von Antikörpern gegen Alpha-Synuclein. Diese sollen, wenn auch in relativ geringer Menge, in das Gehirn übertreten und dort die Verklumpung von Alpha-Synuclein abfangen und im Idealfall sogar die verklumpten Eiweißhaufen wieder zum Teil auflösen. Ob dieses gelingt ist unklar, aber die beiden Untersuchungen
laufen jetzt bereits 12 Monate und man geht in zwei Jahren davon aus, eine Antwort über die Wirksamkeit der Behandlungsmethode zu haben.

2. Kleine Moleküle zur Verbesserung der Symptomatik

Genauso spannend ist die Forschung mit zwei kleinen Molekülen genannt ,UCB 0599‘ und ‚Anle138B‘. Diese haben den Vorteil gegenüber den o.g. Antikörpern, dass sie unproblematisch vom Blut in das Gehirn übertreten. Die Moleküle haben alle Sicherheitstests im Labor – auch im Tierexperiment – erfolgreich durchlaufen und haben im Tierexperiment gezeigt, dass sie eine Parkinson-Symptomatik z.B. in der Maus verbessern können. Beide Substanzen befinden sich derzeit in der frühen Phase der Testung bei gesunden Personen mit dem Ziel, ihre Sicherheit und Verträglichkeit zu beweisen.

Sobald diese Sicherheit (keine Nebenwirkungen, keine Schädigungen von Körperorganen) gegeben ist, und man geht davon aus, dass dies bis Ende des Jahres 2020 gelungen sein wird, werden beide Medikamente Parkinson- Patienten oder Patienten mit einer besonders schweren Variante der Parkinson-Krankheit, genannt Multisystematrophie, zugeführt.

Hoffnungsvoller Ausblick

Wir können also davon ausgehen, dass 2021 mindestens vier Studien laufen, in denen getestet wird, ob man die Parkinson-Krankheit oder eine ihrer Varianten in ihrem Verlauf verzögern kann.

Zusammenfassend hat sich das Gebiet schnell entwickelt und im Vergleich zu beispielsweise 2014 besteht jetzt tatsächlich Hoffnung, dass es der Forschung gelingen wird, hier langfristig eine Behandlung zu finden, die sogar das Auftreten der Parkinson-Krankheit verzögern könnte.

Diesen Artikel mailen an:

Diesen Artikel teilen